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Andi Schmidbauer schreibt für Sie:

Pling!

Hektisch ist mein Tag heute. Wieder einmal. Auf meinem Schreibtisch stapeln sich Unterlagen: Einige Rechnungen möchten bezahlt werden, eine Kollegin wartet auf Rückmeldung zum Trainingskonzept und einige »interessante« Fundstücke aus dem Internet harren ihrer Einarbeitung in die diversen Seminare.

Gerade sitze ich an den Belegen für die Buchhaltung vom letzten Monat. Eigentlich wollte ich schon längst wieder mal »Aufräumen«, um Freiraum zu schaffen für »Neues«. Aber das »Alte« klebt irgendwie an mir wie eine Klette…

Da: Ein leises »Pling!« verspricht Rettung von den Mühen des Alltags! Eine E-Mail ist eingetroffen. Und natürlich muss ich sofort nachsehen, wer da etwas von mir will: Mann möchte ja schließlich auch gefragt sein… Die Buchhaltungsunterlagen schiebe ich erstmal zur Seite.

Ah, siehe da: Der neueste Newsletter von »Fröhlich Shoppen« – mit vielen tollen Sonderangeboten. Da schaue ich doch gleich mal rein und klicke den Link zu einem supergünstigen Pullover aus Merinowolle an. Schwups öffnet sich mein Browser und ich bin in der Wunderwelt von Farben und Formen und das alles totaaal günstig.

Sie ahnen es schon? Die Minuten vergehen und die Buchhaltung bleibt unerledigt.

Nach etwa einer Stunde – schließlich will ja jeder Kauf gut überlegt sein – ist mein Konto um 175 Euro ärmer und ich um diverse Kleidungsstücke reicher. Vorfreude steigt auf… und bekommt sofort eine kalte Dusche, als mein Blick auf die Unterlagen der Buchhaltung und den Rest des Schreibtisches fällt.

»Wieder mal hast du dich ablenken lassen«, moniert eine nörgelige Stimme in meinem Kopf. »Typisch!« und »da wird sich nie was ändern«, schiebt sie gleich hinterher. Und als ob sie ganz sicher gehen möchte, dass es auch wirklich bei mir ankommt: »Und die Kollegin wartet jetzt auf deine Rückmeldung, kann nicht weiterarbeiten und DU bist schuld!«. Meinen Ärger über mich selbst spüre ich deutlich…

Ufffz –erstmal tief durchatmen. Sauerstoff tut der inneren Stimme gut - sie hält erstmal ihre Klappe. So kann ich wieder klarer denken. Wie war das jetzt eigentlich genau? Ich war doch dabei die Buchhaltung zu machen. Und dann? Ja, dann kam das akustische Signal der E-Mail Benachrichtigung. Daraufhin habe ich die Buchhaltung beiseitegeschoben und etwas gemacht, das irgendwie Interessanter war in diesem Moment. Und so die Zeit aus dem Blick verloren.
Und meine innere Stimme, erinnert mich jetzt daran, dass ich ja andere Pläne hatte. Allerdings tut sie das mit Worten, die mir nicht leicht fallen von mir selbst zu hören.

Also schalte ich mein »GFK-Stimmen-Übersetzungsprogramm« ein: Aus »Wieder mal hast du dich ablenken lassen« wird »Ich bin frustriert, weil ich hätte wirklich gerne, dass man an Sachen dranbleibt – Dinge fertig macht, bevor Neues begonnen wird«. Das tut schon mal gut.

Weiter geht’s: »Typisch« und »Da wird sich nie was ändern« verwandelt sich in »Ich bin echt unzufrieden, weil ich da eine Änderung brauche – auch das Vertrauen, dass es sich ändern kann«.

Zum Schluss wandelt sich »Und die Kollegin wartet auf deine Rückmeldung, kann jetzt dann nicht weiterarbeiten und DU bist schuld!« in »Mir liegt wirklich daran, dass Vereinbarungen eingehalten werden und dass alle ihre Zeit sinnvoll nutzen können. Das hat nicht so geklappt, wie ich mir das selbst wünsche, das bedauere ich.«

So kann ich mir selbst viel besser zuhören. Ich atme nochmals durch und es stellt sich Entspannung ein. Und wie weiter jetzt? Es soll sich ja auch etwas ändern.

Ich beschließe als Sofortmaßnahme, die akustische Benachrichtigung beim Eingang von E-Mail abzustellen und so eine Quelle für Ablenkung abzustellen. Mal sehen, wie das funktionieren wird. Und ich informiere meine Kollegin, dass meine Rückmeldung zu ihrer Ausarbeitung jetzt länger dauern wird als vereinbart und auch warum. So bin ich aufrichtig – im Umgang mit ihr und auch mit mir selbst.

Im Gespräch mit ihr stellt sich dann heraus, dass sie selbst genügend zu tun hat und anderes vorziehen kann – so kann sie ihre Zeit sinnvoll nutzen. Ich erfahre, dass es für sie vollkommen ausreichend ist, wenn sie meine Rückmeldung morgen früh bekommt. Sie freut sich, dass sie jetzt Klarheit hat und auch, dass es menschlich zugeht in unserem Miteinander.

Sollte ich dem »Pling« vielleicht doch dankbar sein?

 

Andi Schmidbauer ist ebenfalls Autor von Beiträgen zu GFK und zu Mediation in Fachbü­chern und Fachzeitschriften, zuletzt: Konflikte lösen in Teams und großen Gruppen - manager Seminare Verlags GmbH


»(Nicht mehr) recht haben müs­sen – Erforschen der Gefühle und Bedürfnisse aus Sicht der GFK«, Beitrag in: Konflikte lösen in Teams und großen Gruppen S. 178-184 (managerSeminare Verlags GmbH, 2012).

 
 
 
 

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