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Andi Schmidbauer schreibt für Sie:

Autsch

Die U-Bahn ins Büro ist bereits gesteckt voll. Immer noch versuchen Leute in den Waggon zu gelangen. »Nur noch eine Haltestelle«, denke ich gerade bei mir.

Autsch! Das hat gerade weggetan. Spontan schaue ich nach unten. Auf meinem Schuh ist noch der Abdruck des Stöckelschuhs sichtbar, der sich gerade mit voller Wucht darauf versenkt hatte.

Der Stöckelschuh gehört zu einer Frau in meinem Alter, die sich gerade an mir vorbei gequetscht hat. Innerlich ein Bedauern von ihr erwartend, schaue ich sie an. »Sowas passiert halt, wenn man mitten im Weg steht!«, höre ich von ihr.

»Nicht ganz das, was ich hören wollte«, liegt mir auf der Zunge. Gerade kann ich mich noch stoppen.

Ich atme erstmal durch und checke innerlich mit mir: »Wie geht’s mir gerade?«.

Die Antwort meiner inneren Stimme kommt rasch: »Ich bin gefrustet und brauche Rücksichtnahme«. Sofort werde ich etwas ruhiger – der Kontakt mit mir selbst tut gut.

Mein Blick auf die Situation verändert sich, ich sehe wieder das Gesamtbild: Da sind wir alle wie die Sardinen in der Büchse in der U-Bahn – vermutlich erzeugt das bei einigen Menschen ziemlich Stress. Die Frau hat möglicherweise versucht, Platz zu schaffen, damit noch mehr Menschen mitfahren können. Und vielleicht hätte sie das auch von mir erwartet?

Hmmm, ich kann sie ja mal fragen. So spreche ich Sie an: »Kann es sein, dass Sie gerade unzufrieden sind, weil Sie gerne hätten, dass man aufeinander achtet?«.

In Ihrem Gesicht sehe ich ein Fragezeichen erscheinen. Diese Ansprache hat sie jetzt wohl nicht erwartet. Ich sehe, dass Sie durchschnauft. »Ja, das wäre schön«, höre ich dann von ihr.

Und weiter: »Wenn alle ein wenig mithelfen würden und weitergehen würden, kämen viel mehr Leute mit. Mir passiert es fast jeden zweiten Morgen, dass ich zwei oder drei U-Bahnen warten muss, bis ich endlich mitkomme.«.

Aus ihrer Sicht leuchtet mir das ein, und das sage ich ihr auch. Und mache weiter: »Möchten Sie mal hören, wie es mir jetzt damit geht?«. Es folgt ein leicht zögerliches Ja.

»Ich war gerade in Gedanken an meinen Tag. Und wenn ich dann einen Rempler oder wie in Ihrem Fall ihren Absatz auf meinem Fuß spüre, dann bin ich frustriert, weil ich gerne Rücksichtnahme erleben würde. Wären Sie vielleicht bereit, zukünftig die Leute zu bitten, Ihnen Platz zu machen, wenn Sie durch möchten?«.

Sie lächelt. »Naja, versuchen kann ich es ja mal…«, meint sie. Die U-Bahn fährt gerade in meine Station ein. »Ich fände das schön. Machen Sie’s gut…«, verabschiede ich mich freundlich von ihr und steige aus. Als die U-Bahn vorbeifährt, sehe ich sie mir zuwinken.

 

Andi Schmidbauer ist ebenfalls Autor von Beiträgen zu GFK und zu Mediation in Fachbü­chern und Fachzeitschriften, zuletzt: Konflikte lösen in Teams und großen Gruppen - manager Seminare Verlags GmbH


»(Nicht mehr) recht haben müs­sen – Erforschen der Gefühle und Bedürfnisse aus Sicht der GFK«, Beitrag in: Konflikte lösen in Teams und großen Gruppen S. 178-184 (managerSeminare Verlags GmbH, 2012).

 
 
 
 

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