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Andi Schmidbauer schreibt für Sie:

Nichts ist selbstverständlich

Neulich saß ich wieder einmal im Bus auf dem Weg vom Büro nach Hause. Mir gegenüber zwei Frauen mittleren Alters, die ihr Gespräch so laut führten, dass zumindest die nähere Umgebung – so auch ich – genauestens über den Inhalt informiert wurden. Zusammengefasst ging es vor allem darum, wie schlecht heute »alles« gewesen sei, wie wenig gut heute »alles« funktioniert hätte und wie »immer alle« doch nur an sich denken würden.

Innerlich wollte ich schon mental »auf Durchzug“ schalten, da meldete sich eine innere Stimme: »Stimmt das am Ende möglicherweise, was die sagen? Vielleicht haben die ja Recht!«.

Ich rutschte auf meinem Sitz herum: Irgendwie war mir dieser Gedanke unangenehm. Ich beschloss, dem genauer auf den Grund zu gehen: Eine Plus-Minus-Liste würde sicher Aufschluss bringen. Ich nahm mir ein Notizheft und einen Stift aus meiner Tasche. Auf die linke Seite, die Plus-Seite, kamen Dinge, die heute für mich gut gelaufen waren. Auf der rechten Seite, der Minus-Seite, notierte ich Dinge, die heute für mich nicht so gut gelaufen waren. Rasch fand ich vier Punkte für die Minus-Seite und war innerlich schon versucht, in das Klagelied der beiden Frauen einzustimmen und selbst in schlechte Stimmung zu kommen.

Aber Moment mal: Es musste doch heute auch etwas gut gelaufen sein, sonst würde ich doch nicht relativ entspannt hier im Bus sitzen. »Mal durchatmen und nachdenken«, sagte ich mir selbst. »Heute Morgen, da hast du einen Kaffee ans Bett bekommen.« Der erste Eintrag auf der Plus-Seite. »Der Bus heute Morgen war pünktlich und du hattest einen Sitzplatz.«. Zweiter Eintrag. »Als du ins Büro kamst, hat dich deine Kollegin mit einem Lächeln begrüßt.«. Dritter Eintrag. »Den ganzen Tag hat dein Computer und die Bürotechnik problemlos funktioniert.«. Vierter Eintrag. »Du hattest mindestens drei Kunden Gespräche, wo du weiterhelfen konntest.« Fünfter, sechster und siebter Eintrag. Und so ging es weiter, so dass am Ende die Plus-Seite übervoll war.

Zugegeben: Vieles davon waren eher »kleinere« Dinge. Waren sie deswegen weniger wert? Nein, denn: Nichts ist selbstverständlich. Alleine meine Aufmerksamkeit darauf zu lenken, was heute gut gelaufen war, bewirkte eine Änderung in mir. Ich wurde ruhiger, meine Stimmung hellte sich auf. Und das für mich verblüffendste: Die Minus-Seite verlor ihren Schrecken! Sie reduzierte sich auf das, was sie wirklich war. Vier Dinge unter vielen, die hätten anders laufen können.

Wie gut, dass ich das durch die Unterhaltung der beiden Frauen herausgefunden hatte. Bedanken konnte ich mich bei Ihnen nicht mehr: Sie waren in der Zwischenzeit ausgestiegen.

 

Andi Schmidbauer ist ebenfalls Autor von Beiträgen zu GFK und zu Mediation in Fachbü­chern und Fachzeitschriften, zuletzt: Konflikte lösen in Teams und großen Gruppen - manager Seminare Verlags GmbH


»(Nicht mehr) recht haben müs­sen – Erforschen der Gefühle und Bedürfnisse aus Sicht der GFK«, Beitrag in: Konflikte lösen in Teams und großen Gruppen S. 178-184 (managerSeminare Verlags GmbH, 2012).

 
 
 
 

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