Akademie Blickwinkel
 

        


Gerade lese ich in einem Artikel des schweizerischen Tagesspiegels die Überschrift „Nervige Kollegen lassen Sie tatsächlich schneller altern“.

Das interessiert mich. So lese ich weiter und erfahre, dass eine Studie der National Academy of Science bestätigt: Störenfriede verkürzen die Lebensdauer. Und das gilt nicht nur für KollegInnen, sondern in allen Bereichen. Pro Jahr altert man pro Störenfried 5,5 Tage, in 10 Jahren also bereits 2 Monate.

Wow, denke ich mir überrascht, das ist schon ganz schön viel. Erinnere ich mich an meine Zeit vor der Gewaltfreien Kommunikation, kann ich das gut nachvollziehen. Genervtheit, Grummeln, die anderen doof zu finden oder auch Ärger über mich selbst waren tägliche Begleiter.

Auch heute gibt es immer noch Situationen, in denen ich diese und ähnliche Gedanken in mir bemerke. Wie froh bin ich, dass mir heute andere Mittel zur Verfügung stehen, mit ihnen umzugehen.

Diese Dinge funktionieren bei mir inzwischen wie ein Wecker. Ein Wecker, der mir signalisiert: Es ist Zeit aufzuwachen. Aufzuwachen und genau hinzuschauen. Was ist es eigentlich genau, was mich gerade stört? Ist es das „was“, was mein Gegenüber sagt oder macht? Oder geht es mir eher um das „wie“?

Habe ich dann eine klare Beobachtung herausgearbeitet, fällt es mir leichter in mich reinzuhören und mich zu fragen: Welches Bedürfnis meldet sich gerade bei mir: Geht es mir um Klarheit? Ist es Rücksichtnahme? Liegt mir an Verlässlichkeit?

Nicht selten finde ich so gleich mehrere Bedürfnisse. Nun gebe ich mir etwas Zeit, tiefer in mich hineinzuhorchen: Wie geht es mir, wenn diese Bedürfnisse zu kurz kommen? Bin ich traurig? Oder besorgt? Vielleicht auch aufgeregt oder entsetzt? Mein Ärger tritt in den Hintergrund, verschwindet und wird ersetzt durch diese anderen Gefühle.

Nicht immer fällt es mir leicht, die Intensität meiner Gefühle so unmittelbar zu fühlen. Mir hilft dabei mein Wissen: Meine Gefühle sind nicht nur Wegweiser zu meinen Bedürfnissen in der betreffenden Situation, sie sind auch Gradmesser, wie stark meine Bedürfnisse jeweils angesprochen sind.

Ich mache mir jetzt nochmals bewusst: Mir sind diese Bedürfnisse wichtig. Ich bin auch dankbar, dass ein Anteil in mir sich offenbar dafür einsetzt, dass sie sich für mich auch erfüllen. So zu denken entspannt mich.

Jetzt kommt mir fast immer eine Idee, was ein nächster Schritt sein könnte, um in der Situation weiterzukommen: Ein Gespräch zu suchen, mir selbst etwas Gutes zu gönnen oder jemand anderen um Unterstützung bitten.

Ich kann mich somit frei entscheiden: Will ich mich weiter an den nervigen Situationen abarbeiten oder etwas für die Erfüllung meiner Bedürfnisse tun.

So gesehen ist die GFK ein perfektes Anti-Aging-Mittel. Und es liegt an mir, es einzusetzen.

 

Andi Schmidbauer ist ebenfalls Autor von Beiträgen zu GFK und zu Mediation in Fachbü­chern und Fachzeitschriften, zuletzt: Konflikte lösen in Teams und großen Gruppen - manager Seminare Verlags GmbH


»(Nicht mehr) recht haben müs­sen – Erforschen der Gefühle und Bedürfnisse aus Sicht der GFK«, Beitrag in: Konflikte lösen in Teams und großen Gruppen S. 178-184 (managerSeminare Verlags GmbH, 2012).

 
 
 

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